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"Endlich mal zuhören! Richtig hinschauen, nachlesen, verstehen – das wären meine Wünsche an die Politik."


Interview mit Jörn Gutbier von diagnose:funk zu Strahlenbelastung von LTE/5G


Jörn Gutbier
Leipzig, 07.06.2021; Ende 2018 sprachen wir erstmals mit Jörn Gutbier vom der Umwelt- und Verbraucherschutzorganisation „diagnose:funk e.V.“ über mögliche gesundheitliche Gefahren und Risiken beim/zum 5G-Ausbau.1 Damals hatte dieser noch nicht einmal begonnen.

Nun, nach über zwei Jahren, ist der 5G-Netzausbau sogar weit, weit schneller vorangeschritten, als wir es uns damals hätten vorstellen können. Zumindest die Deutsche Telekom hat ein enormes Tempo vorgelegt und erreichte Mitte 2021 schon mindesten 66 Mio. Verbraucher bzw. zirka 80 Prozent der Bevölkerung. Mindestens 50.000 5G-Funkantennen hat allein dieser Anbieter bis dato in Betrieb. Hinzu kommen noch die Anlagen von Vodafone und seit Ende des Jahres auch von O2.

Grund genug also, noch einmal nachzuhaken! Welche Befürchtungen haben sich erfüllt, welche waren ggf. unbegründet? Und welche wissenschaftlich-, gesellschaftlich- sowie politischen Entwicklungen gab es zum Themenkomplex rund um mögliche Gesundheitsrisiken durch 5G bisher?

5G-Anbieter.info: Hallo Herr Gutbier. Erst einmal vielen Dank für das neue Gespräch und ich hoffe, Sie sowie alle Mitarbeiter/Mitstreiter sind soweit von Corona bisher verschont geblieben!

Jörn Gutbier: Danke der Nachfrage. Auch bei uns hatten sich zwei KollegInnen angesteckt, aber zum Glück gar keine oder nur grippeartige Symptome wie Kopf- und Gliederschmerzen entwickelt. Aktuell ist alles Bestens und wir hoffen, bald wieder an die großen, öffentlichen Veranstaltungen vom Winter und Frühjahr 2020 anknüpfen zu können. Derweil haben wir eine Webinar-Reihe gestartet, die jetzt im Zweiwochentakt mit aktuell 150 bis 300 Teilnehmern auf großes Interesse stößt.

5G-Anbieter.info: Seit unserem letzten Interview sind ja, wie schon erwähnt, nun mehr als zwei Jahre vergangen. Viel Zeit also, in der es bestimmt einige neue Entwicklungen gab. Vorerst wäre sicher interessant, ob es seither aus wissenschaftlicher Sicht neue Erkenntnisse hinsichtlich möglicher Gesundheitseffekte durch 5G gibt? Und: Liegt 2021 schon eine Art Technikfolgenabschätzung seitens der Politik/Wissenschaft zu 5G bereits vor?

Jörn Gutbier: Leider nein. Die Auskunft des Büros für Technikfolgenabschätzung des Bundestages (TAB) auf unsere Anfrage, wann denn eine Folgenabschätzung zu 5G vorliegen wird, war am 13.08.2020 folgende: „…, ein TA-Bericht zu den Auswirkungen von 5G ist zurzeit nicht vom Bundestag geplant.“ Das ist schon vielsagend! Aber viel spannender ist, dass das TAB ja bereits 2017 den Auftrag erhielt, eine auf die Mobilfunktechnologie im Allgemeinen gerichtete Technikfolgenabschätzung zu erstellen, die zwar abgeschlossen, aber immer noch nicht veröffentlicht wurde.2

Wie wir jetzt durch Zufall erfahren haben, hat das TAB offensichtlich den Bock zum Gärtner gemacht. Die Beauftragung des wahrscheinlich wichtigsten Teils des Gutachtens, die Beurteilung „zum Stand des Wissens über mögliche gesundheitlichen Wirkungen von Mobilfunkexpositionen“3, wurde quasi direkt bei der Mobilfunk- und Elektroindustrie in der Schweiz in Auftrag gegeben!4 Die Lobbyzentrale ‚Forschungsstiftung Strom und Mobilfunkkommunikation' (FSM) beurteilte – nach deren Aussage – für den deutschen Bundestag, welche "möglichen gesundheitlichen Auswirkungen" der Mobilfunk auf Menschen und Umwelt hat. Absurder geht es nicht. Was der TAB sich hier leistet, ist an politischer Dreistigkeit wohl kaum zu übertreffen. Es kann jeder nachlesen, dass die FSM eine Stiftung mit Sitz in der ETH-Zürich ist, die zu 98% von den Mobilfunk- und Stromnetzbetreibern und deren Zulieferern finanziert wird. Die Stiftung ist kein Bestandteil der angesehenen Hochschule, sondern hat in den Gebäuden der ETHZ nur ihre Geschäftsstelle eingemietet.

Was hat sich das TAB-Büro dabei gedacht? Die Denke war wohl in bester Tradition: „Die Diskussion um die Gesundheitsschädlichkeit des Rauchens ist ein heißes Eisen, seit 50 Jahren gibt es hierzu eine Kontroverse. Befragen wir im Auftrag des Bundestages am besten das Tabacco Institute Inc. zum Thema Rauchen und Gesundheit – die kennen sich aus.“5 Uns liegt ein Schreiben des TAB vor mit der kühnen These, dass das FSM unter der Leitung von Herr Dürrenberger eine „nachgewiesene Expertise und Reputation“ hätte.6 Krass! Dann glaubt das TAB-Büro wohl auch, der Bundestag könnte einen Thinktank von Monsanto/Bayer damit beauftragen, sich zu Glyphosat beraten zu lassen.

5G-Anbieter.info: Was heißt das jetzt für diesen ausstehenden Bericht?

Jörn Gutbier: Ich hoffe sehr, dass den Fraktionen klar wird, dass sie hier einseitigen Interessen aufsitzen sollen. Wenn der Bundestag einen Bericht über eine Risikotechnologie durchwinkt, der in seinem wichtigsten Teil von der Anwenderindustrie selbst geschrieben wurde, wird das die bereits heftigen Diskussionen um die Mobilfunktechnik und den breiten Widerstand in der Bevölkerung gegen die amtlich verweigerte Vorsorgepolitik noch weiter anheizen. Zudem würde das einer Politikverdrossenheit weiteren Vorschub leisten, wenn öffentlich wird, wie leicht unsere Parlamentarier mit industrieabhängigen Bewertungen beeinflusst werden können.

5G-Anbieter.info: Gab es seither bestimmte Erfolge oder Entwicklungen zum Thema 5G, die Sie für wichtig erachten und unseren Lesern gerne mitteilen wollen?

Jörn Gutbier: Erfolg ist immer relativ. Unsere Kritik und Analysen werden immer mehr beachtet und bedeutende Institutionen teilen sie. Der wissenschaftliche Dienst des Europaparlaments hat letztes Jahr in zwei Veröffentlichungen bzw. internen Arbeitspapieren deutlich gemacht, dass 5G eine Risikotechnologie ist 7 – sowohl im Bereich der Mikrowellen- als auch bei den noch ausstehenden Millimeterwellen-Anwendungen (Anm. d. Red. siehe mmWave). Dasselbe wird im Technikfolgenbericht für das österreichische Parlament bemängelt.8

Interessant für Ihre Leser ist vielleicht auch, dass europäische Großstädte wie Lyon, Marseille und andere9 massive Vorbehalte gegen 5G äußern, ein Aussetzen der Frequenzversteigerung von der Staatsregierung fordern oder, wie der Oberbürgermeister von Grenoble Eric Piolle, sogar ein Anwendungsverbot für 5G-Pilotprojekte aussprechen.10

In Italien fordern knapp 600 Gemeinden ein 5G-Moratorium.11 Im April gingen 135 Bürgerrechtler, Kulturschaffende und Politiker vor dem italienischen Parlament in einen 18-tägigen Kettenhungerstreik, um gegen die von der Industrielobby geplante Grenzerhöhung zu protestieren. Die Industrie braucht höhere Grenzwerte, um 5G in Italien – so auch in der Schweiz! – überhaupt wie geplant anwenden zu können. Darum soll nun der ehemalige Chef des Mobilfunkbetreibers Vodafone als neuer Minister für technische Innovation in der neuen italienischen Einheitsregierung dafür sorgen, dass 5G zügig umgesetzt wird, was aber durch den Hungerstreik-Protest erst mal auf Eis gelegt wurde. Im US-Bundesstaat New Hampshire hat der General Court (Parlament mit zwei Kammern) am 01.11.2020 ein Memorandum zu 5G und Mobilfunkstrahlung entgegengenommen, das eine konsequente Schutzpolitik von der FCC (Federal Communication Commission) der USA einfordert.12

5G-Anbieter.info: In Deutschland scheint es solch massive Proteste noch nicht zu geben!

Jörn Gutbier: Das täuscht! Wie erwartet, scheren sich die Betreiber überhaupt nicht darum, ob Gemeinden wie z.B. Bad Wiessee aus Vorsorgegründen ein 5G-Moratorium beschlossen haben. Die nehmen einfach Ihr Krücken-5G auf den 1800er und UMTS-Frequenzen in Betrieb (Anm. d. Red. gemeint ist die DSS-Technik). Hauptsache der Kunde bekommt ‚5G‘ auf seinen neuen Gadgets angezeigt. Als erster großer Umweltverband fordert nun der Bundesvorstand der Naturfreunde eine öffentliche Debatte über die ökologischen Folgen der Digitalisierung und 5G-Anwendungsträume.13 Eine gründliche Analyse in dieselbe Richtung hat der renommierte Hamburger Think Tank World Future Council (WFC) vorgelegt. Kern seiner Kritik: Die Digitalisierung als Geschäftsmodell der Industrie kann zum Beschleuniger der Klimakatastrophe werden. Der WFC dokumentiert, wie der Energie- und CO2-Verbrauch v.a. durch den Rebound-Effekt explodieren wird.14 Auch vor dem Überwachungspotential warnt der WFC. Eine empfehlenswerte Lektüre!

5G Symbol am Handy

5G-Anbieter.info: Einer der Kernbefürchtungen beim 5G-Ausbau war ja der erstmalige Einsatz von neuen Frequenzbereichen über dem Sub-6-GHz Band, also im Millimeterwellenbereich. Bis derartige Antennen hierzulande damit funken, scheint es aber derzeit ein weiter Weg zu sein. Noch ist nicht einmal ein Termin für die Versteigerung der mmWave-Frequenzbereiche (z.B. Bei 26 GHz) in Sicht. Nur einige lokale Campusnetze funken darüber. Auch die Kosten dürften die meisten Provider vorerst scheuen.

Jörn Gutbier: Noch steht 2022 für die Frequenzversteigerung für die Millimeterwellen auf der Agenda. Wenn aber selbst Herr Mack, der Geschäftsführer von Vodafone, bis heute noch nicht weiß, wozu der Endkunde überhaupt die Leistungsfähigkeit von 5G brauchen könnte und ihm dazu nur Augmented Reality-Online-Gaming für die Jugendlichen in den Straßen einfällt, dann wird klar, dass die Betreiber hier weit entfernt davon sind, mit 5G jemals Geld zu verdienen – bevor nicht 4G damit ersetzt wird. Mir scheint, es will nicht so recht klappen, den Menschen mit viel Werbung die Bedürfnisse nach einem Internet der Dinge und dem autonomen Fahren einzureden.

Politisch bahnt sich gerade an, dass Frequenzversteigerungen künftig kostenneutral durchgeführt werden sollen, da es für die Anbieter immer schwieriger wird, bei ständig steigenden Ausstattungskosten aber sinkenden Einnahmen bei den Endkundenverträgen noch ausreichend Gewinne zu erwirtschaften. Warum soll 5G dennoch mit Hochdruck durchgesetzt werden, wenn der Endkunde es nicht wirklich braucht? Eine plausible Erklärung könnte auch das Monopol der US-Konzerne wie Google, Apple oder Amazon in der Internetwirtschaft sein. Die deutsche Industrie ist hier abgehängt und hofft, durch neue digitale Technologien wie mit 5G und Künstliche Intelligenz in der verarbeitenden Industrie im Wettbewerb vorne zu bleiben. Ohne restriktive politische Rahmenbedingungen aber befeuert diese Entwicklung das Wirtschaftswachstum und damit die Klimakatastrophe. Eine weitere Erklärung sind militärische Anwendungen. Das gesamte Hoheitsgebiet in Westeuropa soll für digital gesteuerte Waffensysteme mit 5G vernetzt werden. Die Folgen dieser Planungen sind natürlich kein Bestandteil öffentlicher Diskussionen.15

5G-Anbieter.info: Stattdessen funkt 5G nun überwiegend in Bereichen, die gleichzeitig auch für LTE eingesetzt werden. Im Flächenausbau außerhalb der Städte setzen Dt. Telekom und Vodafone ja vor allem auf niedrigere Bänder bei 700 MHz, 1800 MHz oder 2100 MHz – und zwar in „Kombination“ mit LTE. Bekannt unter der technischen Bezeichnung „Dynamic Spectrum Sharing“ (DSS). Nur so konnte die Deutsche Telekom in zwei Jahren eine derart enormen Ausbauschub bewältigen. Die neu ersteigerten Frequenzen für 5G bei 3,6 GHz funken dagegen meist nur zentral in Städten. Wie schätzen Sie die Entwicklung ein – ist das eher eine gute oder schlechte Nachricht für alle, die sich um mögliche Folgen sorgen?

Jörn Gutbier: Dass hier DSS zur Anwendung kommt, ist aus technischer Sicht erklärbar. Unsere Sorge gilt der gesamten Bandbreite der mikrowellenbasierten Mobilfunktechnik. Die beunruhigende Datenlage basiert vorrangig auf den Forschungen der bereits angewandten Technologien – GSM, GPRS, UMTS, LTE und den hierbei untersuchten Frequenzen, die längst nicht alle Anwendungen umfassen. Wir dokumentieren beständig den Forschungsstand in unserer Datenbank www.emfdata.org. LTE und 5G muss man aktuell zusammendenken. Die Forschungslage zu LTE wird ignoriert. So erschienen jetzt zwei Studien, die nachweisen, dass LTE-Signale Strukturveränderungen im Gehirn bewirken und dass LTE zur Verminderung der Zellteilung und zu oxidativem Zellstress führt. Beide Studien werden im ElektrosmogReport 2/2021 besprochen.16 Über die Schädlichkeit der bisherigen Frequenzen gibt es zudem regelrechte Erkenntnissprünge: nach der US-NTP-Studie, der italienischen Ramazzini-Studie und der österreichischen AUVA Studie, die alle ein Krebs auslösendes Potential nachweisen, publizierte aktuell die Expertengruppe der Schweizer Regierung BERENIS eine Studie, die die Kausalität nachweist. Der Review listet über 100 Studien, die oxidativen Zellstress als Wirkmechanismus nachweisen, ausgelöst durch nicht-ionisierende Strahlung, bei denen Wärmeeffekte keine Rolle spielen.17 Angesichts dieser Studienlage ist es grotesk, wenn Vodafone-Deutschland-Chef Dr. Ametsreiter die Gesundheitsbedenken als "irrationale Ängste" abtut und von sich gibt: " Wir kennen keine anerkannte Studie, die gesundheitliche Schäden durch 5G belegt." (Stuttgarter Zeitung, 25. 05. 2021). Monsanto kennt keine Risiken von Glyphosat, für die Autoindustrie ist der Diesel nur noch Blue Tec, und Atomkraft war sicher.

Mit 5G geht der laufende Feldversuch mit den bisherigen Frequenzen weiter. Es gibt immer noch keine spezifische Forschung zu den neu für den Mobilfunk genutzten 3,6 GHz und 700 MHz Frequenzen! Es gibt keine Studie zu den neuen Signal-Bandbreiten, die vor allem bei 3,6 GHz mit größer 20 MHz zur Anwendung kommen sollen und auch keinerlei Forschung zu den biologischen Wirkungen, die die neuen Signal-Modulationen bei New Radio mit sich bringen. Abgesehen davon, dass die aktuelle, noch dünne Forschungslage zu Millimeterwellen nichts Gutes verheißt. Es beunruhigt, dass die einzige, jetzt vom Bundesamt für Strahlenschutz beauftragte Studie zu den neu in der Kommunikation zur Anwendung kommenden Millimeterwellen bereits vom Grunddesign her anscheinend darauf angelegt ist, keine problematischen Ergebnisse zu finden (Anm. d. Red.: Das Bundesam für Strahlenschutz hatte uns gegenüber ja 2019 auch bestätigt, dass bei mmWave noch Forschungsbedarf gibt). Peinlich ist zudem, dass diese Studie bei jemanden beauftragt wurde, dessen Reputation in der Wissenschaftswelt gerade auf internationaler Bühne pulverisiert wurde. Da das ein juristisch vermintes Gelände ist, verweise ich dazu auf unseren Artikel vom 17. Februar diesen Jahres.18

5G-Anbieter.info: Interessant ist auch, wenn man weltweit einen Blick auf die Einführung von 5G in den letzten 24 Monaten wirft. Gerade im asiatischen Raum gab es scheinbar keinerlei Bedenken. Südkorea z.B. nahm ja früh eine Vorreiterrolle bei der 5G-Einführung ein. Auch aus den USA hört man keine Gegenstimmen. Weit vorsichtiger scheint man dagegen überraschender Weise in Europa – vor allem Deutschland, Österreich und der Schweiz zu sein. Bei den Eidgenossen gab es, trotz 10fach strengerer Grenzwerte als in Deutschland, ebenfalls immer wieder Initiativen zum Ausbaustopp. Haben wir es vielleicht auch mit einem kulturellen „Problem“ zu tun, sprich der Aufgeschlossenheit / Ablehnung zu neuen Technologien?

Jörn Gutbier: Technologische Weiterentwicklungen helfen uns, beziehungsweise können dabei helfen Immissionsschutz umzusetzen – aber nur dann, wenn dieses Ziel politisch konsequent verfolgt wird – was definitiv nicht der Fall ist. Schon in unserem Interview Ende 2018 habe ich hierzu ja ausführlich Stellung bezogen.

Über Südkorea haben wir keine spezifischen Informationen und keiner von uns hat hier eine tiefergehende kulturelle Erfahrung, als dass wir uns hierzu fundiert äußern könnten. Aber, der 5G Widerstand ist in vielen Ländern der Welt virulent. Der Internationale Wissenschaftler Appell von 2015 repräsentiert mit seinen Unterzeichnern aus 44 Staaten nach eigenen Aussagen 60% der internationalen Hochfrequenzforschung, deren Ergebnisse belegen, dass Mobilfunkstrahlung weit unterhalb der geltenden Grenzwerte Menschen und die Umwelt schädigen kann. Dass die Schweizer Anlagengrenzwerte besser schützen würden, ist eine Mär und vielfach erläutert. Interessant für Deutschland – in der Schweiz wird der Streit zu 5G auch im Berner Bundesparlament diskutiert. Oder werfen Sie einen Blick auf die mobilfunkkritische Szene in den USA, wie z.B. den Environmental Health Trust. Allein die Auseinandersetzung zu SmartMetering hat dort zu breiten, landesweiten Protestbewegung geführt. Zu 5G gab und gibt es Anhörungen in Landes- und Kommunalparlamenten. In Kanada stand die dortige Umweltschutzbehörde durch das Engagement von Wissenschaftlern dermaßen unter Druck, dass ungewöhnlich kritische, offizielle Berichte zur Thematik verfasst wurden.

‚Still ruht der See‘ bei uns nur scheinbar. Dass es 180 aktive Bürgerinitiativen gibt und Umfragen u.a. der BITKOM und des Bundesamtes für Strahlenschutz ergaben, dass nahezu 50% der Bevölkerung einem weiteren Ausbau skeptisch gegenüberstehen, alarmiert die Politik. Die Bundesregierung hat eine aufwändige Dialogoffensive gestartet, sie wurde ein Rohrkrepierer. In einer Artikelserie haben wir die platten Argumentationen zerlegt.19 Als Reaktion auf die Kritik und die Verunsicherung vieler Bürgermeister gründete das Bundesamt für Strahlenschutz die Außenstelle Cottbus mit der Aufgabenstellung, Bürgerinitiativen zu widerlegen. Die Landesregierung Baden-Württemberg hob dafür eine "Taskforce Mobilfunk" aus der Taufe.20 Der behördliche Argumentationsnotstand hindert sie aber nicht, den Ausbau voranzutreiben. Das provoziert trotz Corona den Protest. In unserer Presseschau finden Sie wöchentlich Berichte über Auseinandersetzungen in den Kommunen.

5G-Anbieter.info: Zu unserem letzten Gespräch würde ich gerne bei einem Punkt, unabhängig von 5G, nochmal kurz nachhaken, ob bzw. was sich seither getan hat: Durch die Coronapandemie steht das Thema Digitalisierung von Schulen wieder im Fokus der Öffentlichkeit. Ist aus dem interessanten VLC-Ansatz (Visible Light Communication Technologie) etwas geworden, der eine Art WLAN ohne Strahlenbelastung in Schulen verspricht?

Jörn Gutbier: Gut, dass Sie nachfragen! Der diagnose:funk Claim ist ja "Technik sinnvoll nutzen". In der Zwischenzeit gibt es eine ganze Schar von Herstellern, die VLC als Alternative zur toxischen WLAN-Technik am Markt anbieten, bzw. anbieten wollen. Immer mehr kristallisiert sich heraus, dass hierbei Infrarot und nicht sichtbares Licht als Datenträger zur praktischen Anwendung kommt. Von daher ist die Bezeichnung OWC – optical wireless communication - richtiger. Andere benutzen ein Kunstwort auch gleich als Produktnamen wie LiFi – light fidelity. Das ist die Zukunftstechnologie für die meisten der Innenanwendungen – in der Schule, Zuhause am Arbeitsplatz, in der Produktion, im Flugzeug usw.. Es soll auch unter Wasser funktionieren.

Aktuell warten wir auf eine Studienarbeit aus einer Stuttgarter Hochschule, welche im Juni ´21 abgeschlossen werden soll. Sie untersucht die Leistungsfähigkeit der am Markt angeboten Geräte und die praktischen Grenzen bei der Anwendung von Infrarot. Was jetzt nur noch fehlt, ist die industrielle Serienproduktion, damit die Technik pro Schulklasse nicht 3.000 bis 4.000 Euro kostet, sondern nicht mehr als die Installation eines WLAN-Accesspoints. Im Moment arbeiten einige Entwickler fieberhaft an der Systemintegration,21 so dass absehbar jedes neue Endgerät – wieder – eine Infrarot-Schnittstelle gleich mitbringt und nicht mehr mit USB-Adapter gearbeitet werden muss. Angemerkt sei noch, dass OWC auch eine ‚Bestrahlung‘ mit sich bringt, aber halt nicht mehr mit der gesundheitsschädlichen Mikrowelle wie beim WLAN, sondern mit verträglicheren, elektromagnetischen Energien des Infrarot, woran wir evolutionär adaptiert sind. Dazu haben wir eine ausführliche Analyse erstellt, die Online auch als Artikel zu finden ist.22

5G-Anbieter.info: Was wären Ihre Forderungen bzw. Wünsche an die Politik für die nächsten Jahre? Komplett stoppen oder verbieten von 5G wäre sicher ziemlich unrealistisch und weltweit schon ein extremer Sonderweg. Könnte vielleicht eine neue, strengere Auslegung der Grenzwerte zielführend sein, nach Schweizer Vorbild? Zumindest zeigen die Nachbarn ja, daß das Argument der technischen Unmöglichkeit nicht ganz stimmen kann …

Jörn Gutbier: Wie schon angedeutet - die Schweizer Behörden sind kein Vorbild. Dort ist es nicht anders als hier – die geltenden Vorsorgewerte schützen nicht und die Industrie diktiert, was zu tun ist.

Aber Sie wollen wissen, was ich mir von der Politik wünsche. Endlich mal zuhören! Richtig hinschauen, nachlesen, verstehen – das wären meine Wünsche an die Politik. Daraus ergibt sich automatisch, was zu tun ist und getan werden kann. Es braucht einen Immissionsschutz, der den Namen verdient und das heißt, regulatorische Rahmenbedingungen zur Umsetzung der schon lange überfälligen Vorsorge. Mehr Daten mit weniger Strahlung, das ließe sich sofort umsetzen. Es braucht Glasfaser für jeden Bauernhof und Roaming als Pflicht bei der Frequenzvergabe und nicht nur als Absichtserklärung, und vor allem die Trennung der Indoor- und Outdoorversorgung. Sie wird jetzt erfreulicherweise in einer Studie des Umweltbundesamtes auch gefordert.23 Es braucht langfristig nur ein Mobilfunknetz für alle Anbieter – wie beim Strom, Gas, Wasser und Straßenbau. Abschaltung von GSM – möglichst schnell. Aufklärung der Bevölkerung über das Risiko der Mobilfunkanwendungen und die Vermeidung des Risikos. Und natürlich keine gefakten Folgenabschätzungen für den Bundestag durch das TAB.

Ansonsten habe ich da noch ein paar Punkte, die direkt das Bundesamt für Strahlenschutz (BfS) betreffen. Wir fordern die sofortige Auflösung des Büros der Lobbyorganisation ICNIRP im Bundesamt für Strahlenschutz24 und einen Stopp der Bundeszahlungen für das ICNIRP-Kartell.25 Schluss mit der Anerkennung der fehlerhaften ICNIRP-Grenzwerte und eine Neubesetzung der Strahlenschutzkommissionen mit industrieunabhängigen Wissenschaftlern und Vertretern der Umweltverbände. Überfällig ist eine Neufestlegung der Grenzwerte durch eine unabhängige Kommission und die Einführung von Vorsorgewerten für Orte sensibler Nutzung und für die Emissionswerte neuer Produkte und Dienstleistungen. All das könnte das BfS maßgeblich beeinflussen.

5G-Anbieter.info: Danke vielmals für das aufschlussreiche Gespräch! Übrigens kurz am Rande noch etwas zum Abschluss: 2018 hatten Sie sogar die Entwicklung in der Casa „Huawei“ richtig vorweggenommen. Zitat: „Und 5G soll auch bei uns mit Huawei gebaut werden, einem Exporteur von Überwachungsstruktur.“

Jörn Gutbier: Blöd nur, wenn die Entscheidungsträger auch die anderen Risiken verdrängen, wie den Elektrosmog, Ressourcen- und Energieverbrauch, den Rebound-Effekt, BigData, Überwachung, digitale Profile. Es ist Zeit für eine breite gesellschaftliche Debatte darüber, was da mit der Digitalisierung geplant und auf uns zukommen wird. Die Stiftung World Future Council fordert in ihrer Studie zum "5G Ausbau eine Denkpause ... die es ermöglicht, alle ökologischen, sozialen und ökonomischen Auswirkungen einer 5G Einführung noch einmal zu überprüfen. Benötigt wird ein ergebnisoffener Dialog zwischen Zivilgesellschaft, Politik und Wirtschaft, bei dem alle Fragen, die 5G betreffen, in einem demokratischen Prozess erörtert werden können. Dieser fand bisher nicht statt und sollte dringend nachgeholt werden."26


Quellenangaben:
1 https://www.5g-anbieter.info/interviews/18/diagnose-funk.html

2 https://www.tab-beim-bundestag.de/de/untersuchungen/u30300.html

3 Gregor Dürrenberger, Jürg Fröhlich, Hans Kastenholz (2019): Zum Stand des Wissens über mögliche gesundheitliche Wirkungen von Mobilfunkexpositionen November Mobilfunk – ein Risiko?
Die Umarbeitung des TAB-Gutachtens für eigene Zwecke wurde demnach bezahlt von der Swisscom AG und ist noch abrufbar beim Schweizer Mobilfunkanbieter Sunrise:
https://www.sunrise.ch/content/dam/sunrise/residential/spotlight/2019/20191216_FSM_Mobilfunk_Stand des Wissens.pdf

4 Die Veröffentlichung dieses-Berichts von 2019 auf der Internetseite des Schweizer Mobilfunkbetreibers Sunrise nennt auf der Titel-Innenseite 2: „Diese Broschüre basiert auf einer Literaturstudie zum aktuellen Wissensstand über mögliche Risiken der Mobilfunkstrahlung, welche das Büro für Technikfolgenabschätzung des Deutschen Bundestages (TAB) der FSM in Auftrag gab.“ (ebenda)

5 https://en.wikipedia.org/wiki/Tobacco_Institute

6 Auf die schriftliche Nachfrage von Prof. Wilfried Kühling, ob hier tatsächlich das FSM vom TAB beauftragt wurde und dieses daraus dann noch eine eigene Veröffentlichung exzerpiert hat, antwortet Herr Dr. Revermann am 19. April 2021: „Dies ist ein durchaus nicht unübliches - und im wissenschaftlichen Kontext sinnvolles - Prozedere und auch in diesem Fall nicht zu beanstanden. Schließlich werden durch den Deutschen Bundestag Gutachten an Experten insbesondere aufgrund ihrer nachgewiesenen Expertise und Reputation vergeben, die sich zumeist ja an der Qualität und Relevanz ihrer wissenschaftlichen Arbeiten bemisst, die zuvor durch wissenschaftliche Arbeiten und Veröffentlichungen nachgewiesen sein muss.“

7 Blackman C, Forge S. 5G Deployment: State of Play in Europe, USA, and Asia. Study for the Committee on Industry, Research and Energy, Policy Department for Economic, Scientific and Quality of Life Policies, European Parliament, Luxembourg, 2019:
"Es gibt erhebliche Bedenken hinsichtlich der möglichen Auswirkungen auf die Gesundheit und Sicherheit, die sich aus einer potenziell viel höheren Belastung durch hochfrequente elektromagnetische Strahlung durch 5G ergeben könnten. Eine erhöhte Exposition kann sich nicht nur aus der Verwendung wesentlich höherer Frequenzen bei 5G ergeben, sondern auch aus dem Potenzial der Bündelung verschiedener Signale, ihrer Dynamik und den komplexen Interferenzeffekten, die insbesondere in dichten Stadtgebieten auftreten können.“ S. 11
http://www.europarl.europa.eu/RegData/etudes/IDAN/2019/631060/IPOL_IDA(2019)631060_EN.pdf
https://www.diagnose-funk.org/1388
EU-Briefing des wissenschaftlichen Dienst des europäischen Parlaments: Auswirkungen der drahtlosen 5G Kommunikation auf die menschliche Gesundheit:
https://www.diagnose-funk.org/publikationen/artikel/detail?newsid=1530
https://www.diagnose-funk.org/download.php?field=filename&id=1016&class=NewsDownload
https://www.europarl.europa.eu/RegData/etudes/BRIE/2020/646172/EPRS_BRI(2020)646172_DE.pdf

8 Parlamentsbericht (2020): "5G-Mobilfunk und Gesundheit. Die aktuelle Einschätzung des Evidenzstandes zu möglichen Gesundheitsrisiken von elektromagnetischen Feldern des Mobilfunks durch anerkannte wissenschaftliche Gremien", https://www.diagnose-funk.org/1532

9 Frankreich: Die Bürgermeister von 11 großen Städten verlangen ein Moratorium für 5G, Bericht aus Le Journal du Dimanche, https://www.diagnose-funk.org/1613

10 Frankreich: Grenoble verbietet 5G-Ausbau. Telefongesellschaften klagen gegen die Stadt, https://www.diagnose-funk.org/1600

11 Piemont: Acht Bürgermeister:innen in einem Tal lehnen 5G gemeinsam ab, 594 Gemeinden in Italien auch! https://www.diagnose-funk.org/1604

12 5G: General Court des US-Bundesstaates New Hampshire: Kommission fordert Schutz der Bevölkerung: https://www.diagnose-funk.org/1625

13 Warum Digitalisierung und sozial-ökologische Transformation zusammengedacht werden müssen. Positionspapier der Naturfreunde Deutschlands, https://www.diagnose-funk.org/1714

14 WFC: Die Auswirkungen des 5G Netz-Ausbaus auf Energieverbrauch, Klimaschutz und die Einführung weiterer Überwachungstechniken. Analyse von Dr. Matthias Kroll für das World Future Council: "Man kann erkennen, dass bei der Einführung von 5G der Rebound Effekt quasi schon eingebaut ist. Denn das Ziel der Einführung ist ja nicht bestehende Anwendungen effizienter und energiesparender zu machen, sondern viele zusätzliche Anwendungen neu zu ermöglichen, welche dann für einen Anstieg des Energieverbrauchs sorgen ... Ein zusätzlicher Stromverbrauch durch die fahrlässige Einführung neuer Techniken mit sehr hohem Energie¬bedarf wie 5G ist das Gegenteil von dem, was die Weltgemeinschaft derzeit verkraften kann ... Wenn das Internet schon jetzt für ca. 4 Prozent des globalen Stromverbrauchs verantwortlich ist, und durch 5G ermöglichte neue Anwendungsfelder, wie mehr hochauflösendes Streaming und zahllose KI-Anwendungen, rasant weiter zunehmen werden, ist kaum ersichtlich, wie der Aufbau von erneuerbarer Energie dies ausgleichen soll. Die Einhaltung der 1,5°C Grenze ist dann sehr wahrscheinlich nicht mehr möglich." (S.19/20). https://www.diagnose-funk.org/1718

15 Informationsstelle Militarisierung: Das Militär als Triebkraft des 5G-Ausbaus „Wer nicht digitalisiert, verliert", https://www.diagnose-funk.org/1596

16 https://www.emfdata.org/de/elektrosmogreport?&page=1

17 Studie für die Schweizer Regierung weist nach: EMF Ursache vieler Krankheiten durch oxidativen Zellstress. https://www.diagnose-funk.org/1692

18 Microwave News: Die Lerchl IARC-Affäre - Die bisher unerzählte Geschichte über Prof. Lerchls Ablehnung für das WHO Krebs-Entscheidungsgremium 2011, https://www.diagnose-funk.org/1670

19 Artikelserie zum 5G-Dialog "Deutschland spricht 5G" der Bundesregierung Teil I-V. diagnose:funk setzt sich mit den Argumenten der Kampagne der Bundesregierung auseinander; https://www.diagnose-funk.org/1657

20 Gutbier / Hensinger (2020): Fortschritt 5G? Mythen für den Profit. Smart City, Smart Country, Breitband und 5G – die Folgen für Demokratie, Mensch und Umwelt https://www.diagnose-funk.org/1519

21 https://purelifi.com/lifi-products-2/#integrate

22 Brennpunkt: LED-Licht zur Datenübertragung – ein gesundheitlich unbedenkliches WLAN? Erster Forschungsüberblick zur VLC / LiFi-Technologie, Autor Dr. Klaus Scheler. https://www.diagnose-funk.org/1576

23 Ist 5G der Weg zu einer umweltschonenden Mobilfunk-Infrastruktur? Das eigene Amt widerspricht der Ministerin! https://www.diagnose-funk.org/1642

24 Das BfS stellt am Standort Neuherberg in Oberschleißheim der ICNIRP kostenfrei ein Büro und die koordinierende Sekretärin (derzeit Frau Dr. Gunde Ziegelberger) zur Verfügung, die auch gleichzeitig die Leiterin der Abteilung Wirkungen & Risiken NIS (WR 4) ist.

25 Die Bundesregierung zahlt jährlich ca. 100.000 € an die ICNIRP. Das entspricht ca. 2/3 ihres Jahresbudgets. Im Deutschlandfunk Kultur beantwortet die BfS-Chefin Dr. Paulini im Feb. 2019 die Fragen von Philip Banse im Interview „Der zweifelhafte Umgang mit der Strahlungsgefahr“: https://t1p.de/jp9z

26 WFC (2020): Die Auswirkungen des 5G Netz-Ausbaus auf Energieverbrauch, Klimaschutz und die Einführung weiterer Überwachungstechniken, Martin Kroll

Bildquelle
Portraitbild: Jörn Gutbier, diagnose:funk - © mit freundlicher Genehmigung Jörn Gutbier, diagnose:funk